Traditionen – Box,box,box
“Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.” Wer hat’s gesagt? Gustav Mahler oder doch der Sozialist Jean Jaures? Vielleicht auch jemand komplett anderes.
Egal wie: ich kann mich in diesem Satz finden. Tief in meinem Herzen scheine ich doch recht konservativ zu sein, meine “Umsturzfantasien” bleiben meistens innerhalb des Systems stecken. Das an sich finde ich auch nicht schlimm. Einer meiner Lieblingssätze aus der Bibel stammt aus dem 1. Thessalonischer Brief, Kapitel 5, 21: “Prüft aber alles und das Gute behaltet.”
So geht mir das auch mit dem “out of the box” bzw. “outside the box” Denken – egal welches nun die richtige Variante für unkonventionellles Denken ist. So lange ich innerhalb eines Systems alle meine Ziele erreichen kann, warum soll ich das System verändern? Der Veränderung an sich wegen lieber nicht, nur wenn Veränderung auch mit einer Verbesserung einhergeht. Optimalisierung statt kompletter Neuanfang.
Viele Traditionen stehen heute – oft zu Recht – auf dem Prüfstand, bzw. bereits wurden als nicht mehr zeitgemäß angepasst oder sollen komplett verschwinden. Die größte und schmerzlichste Änderung hier in den Niederlanden ist alljährlich die Diskussion um die Begleitung des heiligen Nikolaus (es ist Mitte April und noch hat keiner heute die Pieten Diskussion angefangen – bis auf kleine Anspielungen hierauf), Speisekarten mit Schnitzel, Bäckereien mit Schokoküssen und natürlich Personen des öffentlichen Lebens werden von der “Sprachpolizei” durchleuchtet.
Das “N-Wort” werden mird mittlerweile genauso zu einem Kulturgut und einer bewahrenswerten Tradition erhoben, wie Dieselmotoren, frauenfreindliche Witze, Antisemintismus und demnächst wahrscheinlich auch Hexenverbrennungen.
Wo Bücher brennen, brennen kurze Zeit später auch Menschen, hat angeblich Erich Kästner beim Anblick seiner brennenden Bücher 1933 gesagt. Ganz so weit sind wir zum Glück noch nicht. Dabei sind es nicht die “Linksgrünversifftenwokies” – so wie ich einer bin – die Bücher anzünden wollen. Behutsames anpassen von Weltliteratur für ein neues junges Publikum (zum Besipiel in Pippi Langstrumpf), das kritischeHinterfragen von Welt- und Menschenbildern in besipielsweise den Büchern von Karl May, Hinweise auf ein Frauenbild in 007-Filmen, das heute nicht mehr gelten sollte (und auch bereits in den Filmen der 90er Jahre aufgegriffen wird) und vieles mehr sind eben kein Verbrennen dieser Bücher (oder Filmrollen), sondern die Weitergabe der Geschichten und Grundideen, für die diese stehen.
Zum N-Wort zurück: ich habe heute zweiinteressante Kommentare/Artikel dazu gelesen (ein Interview mit Oliver Kalkoffe und eines mit Michel Mittermeier). Eine der Frage ist, warum Künstler, die dieses Wort vorher nier gebraucht haben, sich so vehement für seinen Gebrauch einsetzen. Warum Menschen, die ein Milionnepublikum erreichen und keine legalen Konsequenzen fürchten müssen, von eingeschränkter Redefreihiet sprechen. Früher war alles besser – dabei (so Kalkofe) war der Einfluß von Politik und Kirchen in den 60er bis 80er Jahren viel stärker. Ein Shitstorm ist eben auch eine Form der freien Meinungsäußerung als Reaktion auf die Verbaldiaröh, die manch einer so von sich gibt. Heul doch leise – meint auch Mittermeier. Und was hat er? Recht hat er!
Tradition ist schön. Feiertage mit Ritualen und festen Speiseabfolgen begehen, das gibt Vertrautheit und schafft ein Heimatgefühl, auch in der Ferne. Neue Feste umarmen (wobei neu relativ ist) und mitfeiern, wie das Fastenbrechen im Ramadan, sind keine Abwendung von der eigenen Kultur. Nur wer sich seiner Kultur nicht sicher ist, kann so denken. Das Feuer weitergeben – ein Bild, das ich nicht nur mit dem olympischen Fakellauf verbinde. Anstiften, stiften, etwas neu beginnen. Und trotzdem das behalten was gut ist und sich davon anstiften lassen. Auf zu neuen Traditionen – denn jede Tradition hat einen Anfang.
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