Homo historicus,  Homo Politicus

“Inique pacis est aequior et utilior bellum.”

“Ein ungerechter Friede ist ungerechter und nützlicher als der Krieg.”(Cicero, angeblich, bestenfalls verkürzt, eher aber falsch zitiert.) 

“Peace now” prangert an vielen Fenstern in Den Helder und anderen Orten in den Niederlanden und wahrscheinlich in dieser oder anderer Form auch in anderen Ländern. Galt dieser Satz am Anfang dem Ukrainekrieg, so kann er nun seit einiger Zeit auch auf den Krieg in Israel und zuletzt den Angriffskrieg gegen den Iran bezogen werden. 

“Frieden, jetzt!”, ein Slogan der so richtig und einfach und trotzdem so weit weg klingt. Wie soll das gehen? Eigentlich doch ganz einfach: nicht mehr aufeinander schießen; keine Raketen, Drohnen, Panzer und Kampflugzeuge aufeinander loslassen. So, wie der Krieg angefangen hat, mit dem ersten Befehl einer Seite, so müsste er doch auch zu beenden sein? Einer gibt den Befehl und alle hören auf. Beide “Seiten”, alle Kriegsparteien machen mit, bzw. machen einfach nicht mehr mit. In meiner Teenagerzeit waren Sponti-Sprüche gerade in Mode. ¨Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!” war einer davon. Wenn einer aufhört, dann werden die anderen schon nachziehen, oder? 

Drei Jahrzehnte später ahne ich, dass es leider weder so leicht ist noch historisch wie aktuell auch den gewünschten Effekt, also Frieden, nach sich ziehen würde.  

In der letzten Folge van “Die Anstalt” vom 18. Maerz 2026 war die Stand-Up Comedian Negah Amiri zu Gast. Amiri wurde im Iran geboren, kam mit 11 Jahren sie nach Deutschland und ist mittlerweile deutsche Staatsbürgerin. Die Sendung wurde im Dekor auch zur “IRANstalt” umgetauft und es wurde versucht denen eine Stimme zu geben, die bei uns normalerweise höchstens Gegenstand der Diskussionen sind, aber nie Beteiligte am Gespräch: die Menschen im Iran. Drei Wochen ist dies mittlerweile wieder her und irgendwie war “damals” die Diskussion noch eine andere: auf der einen Seite der Diskussion stand da der völkerrechtswidrige Krieg, angefangen durch die USA und Israel. Die ersten, nicht unbedingt wenige, haben hier auch Parallelen gezogen mit dem Krieg, den Russland in der Ukraine angefangen hat. Auf der anderen war da die Frage nach dem Völkerrecht mit Hinweis auf Menschenrechte. Niemand ist unglücklich ueber den Tod des Monsters, dass Jahrzehnte lang sein eigenes Volk und allem voran die Frauen im Iran unterdrückt und misshandelt hat. Aber zu welchem Preis. Ab wann ist ein Eingreifen gerecht und von Gesetzen oder internationalen Regeln abgedeckt?  

Die Sendung geht aber eine Frage weiter: es hat ja nur begrenzt Sinn, um sich zu fragen, ob der angefangene Krieg richtig oder falsch war, er ist ja ein Fakt. Und bei der Suche nach Frieden ist es eben nicht mehr so einfach, dass alle die Waffen fallen lassen können. Was danach? Ein Regimeumsturz? Dieser war am Beginn des Krieges noch Ziel, ein Ende des Mullah Regimes und zurück zu dem Iran, der vor mehr als einem halben Menschenleben zwar noch lange kein Rechtsstaat war, aber in dem die Menschen weit mehr Freiheiten hatten als heute. Was passiert, der Iran sich selbst überlassen wird? Werden die Revolutionsgarden unter erneuter geistlicher Führung da weiter machen, wo man die letzten 50 Jahre war, oder kommt doch ein Funken Hoffnung vor allem für die Menschen, die sich von innen heraus für einen Systemumschwung eingesetzt haben? Wie viele Opfer wird ein Ende der amerikanischen und israelischen Angriffe sparen und wie viele gleichzeitig kosten? Wenn ein neues altes Regime Rache nimmt, wie viele Menschen des eigenen Volkes werden sie dann mit “Härte” bestrafen, also völkerrechtswidrig töten, foltern und anschließend als mahnende Beispiele missbrauchen?  

Ein weiterer Sponti Spruch, bzw. ein Zitat oder Teil eines Zitates, das mir in den Sinn kommt, ist: “Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg”.  Lustig, dass ich diesen Satz nie Spinoza zugeordnet hätte, aber gerade gelesen habe, dass er bereits auf diesen Philosophen des 17. Jahrhunderts zurückgeht. „Wahrer Friede ist nicht nur die Abwesenheit von Spannungen; er ist die Anwesenheit von Gerechtigkeit.“ Das hat Martin Luther King Jr. hieraus gemacht.  

“Peace now” ohne “Justice now” – ein Dilemma zwischen “I want it all and I want it now” und “Give peace a chance”. Im Krieg gibt es nur Verlierer (außer man hat Rheinmetallaktien) – aber wie fatal wäre es, wenn es auch im “Frieden” nur Verlierer geben wird.  

Drei Wochen nach der Sendung sehe ich diese Gefahr, denn die Diskussion dreht sich nicht mehr um die Menschen im Iran und ihre Zukunft, sondern um unsere Spritpreise, Lebenshaltungskosten und irgendwo auch um die neuen Wehrgesetzregeln in Deutschland. Unsere Zustimmung das richtige zu tun, hängt doch stark vom Einfluss auf unseren eigenen Geldbeutel ab. 

“Peace now” – damit Volltanken wieder erschwinglich wird? 

Faktencheck der Sendung: faktencheck-vom-17-maerz-2026-100 


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