Eine Zahl fehlt
“Eine Zahl fehlt,” sagte ich mit fragendem Blick zu meinem Ältesten und meiner Frau.
Wir haben irgendwo gestern auf dem Rückweg von Burg Eltz, ca. 7 km entfernt, einen Außerplanmäßigen Stop eingelegt. Eigentlich nur, weil da so ein riesiger Kasten Stand, den meine Kinder von weitem als Kirche identifiziert hatten, ein Wasserturm, direkt an der Strecke und ein Hinweisschild auf die historische Stadtwanderung.
Also gestoppt in Münstermaifeld. Ein Name, von dem ich bisher weder jemals gehört habe noch, noch den ich mir nach mehrfachem Lesen merken könnte. Geparkt und dann relativ schnell bei dem großen Bauwerk angekommen: Stiftskirche St. Martin und St. Severus. Auf den ersten Blick wirkt diese riesige Kirche wie zu groß für den Ort, der sie umgibt. Die Straßennamen, Münterstrasse, Stiftsstrasse, strahlen irgendwie auch einen gewissen Größenwahn, zumindest aber eine gehörige Portion an Selbstbewußtsein aus. Auf der anderen Seite ist dann ein guter Teil der Kirche eingerüstet und es wird vor herabfallenden Teilen gewarnt. Die besten Tage sind vielleicht doch schon vorbei.
Trotzdem mal wieder eine Kirche, die nach katholischer Unart offen ist. Wieder eine Kirche, die wir nach wenigen Minuten (zwei Radfahrer saßen da noch rum) für uns alleine haben. Interessante Architektur und Kunstausgestaltung. Nicht aus einem Gus, sondern anscheinend im Laufe der Zeit angepasst und weiter entwickelt. Verschiedene Fensterformen, unterschiedlichste Ausgestaltung der Fenstergläser, alte Kunst und moderen Gottesdienstutensilien neben einander. Ein Raum, der gleichzeitig aus der Zeit und trotzdem “belebt” wirkt.
Aus der Kirche raus und vorbei am Eiskaffee haben wir dann im Hof der Touristeninfo eine Karte des Ortes gefunden, mit den Sehenswürdigkeiten. Unter anderem eine alte Synagoge stand auf dem Plan. Also hin. Vorbei an den geschlossenen Dönerbuden und Griechen (die haben sich abgesprochen, dass sie alle zur gleich Zeit Sommerfereien machen?) und entlang viel zu schmaler Bürgersteige hin zum ehemaligen jüdischen Gotteshaus.
Zerstört während der Nazidiktatur und viel später (ab 1998) wieder aufgebaut, steht dort jetzt dieses Haus und scheint eigentlich nur ein Museum zu sein, dass man nach Absprache besichtigen kann. Die Geschichte der Synagoge und der Juden in dem Ort ist auf einer Schautafel kurz zusammengefasst dargestellt. Es wird gesagt, wieviel Menschen jüdischen Glaubens im Laufe der Geschichte im Ort gelebt haben und wieviel in den 30er/40er des letzen Jahrhunderts entwder geflohen oder ermordet wurden. Aber eine Zahl fehlt: wieviele Juden nach 1945 zurückgekehrt sind und eventuell noch oder wieder heute dort leben. Vielleicht ist der Satz: “Heute leben keine Juden mehr in Münstermaifeld” zu ernüchternd, wenn vielleicht auch ehrlich, gewesen. (Vielleicht leben dort ja auch wieder Menschen jüdischen Glaubens, es steht aber nicht auf der Infotafel.) Das ist die Zahl, die fehlt.
Nachbemerkung 1: das Cafe hat leckeres Eis.
Nachbermerkung 2: Nach etwas Google Suche dann doch auf mehr Info gestoßen – tatsächlich interessant:
https://www.alemannia-judaica.de/muenstermaifeld_synagoge.htm
www.synagoge-muenstermaifeld.de

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