Big brother is watching us?
Auf dem Weg zu den Gemeinderatswahlen in diesem Jahr habe ich mehrere neue Weggefährten bekommen. Manche waren vor gut 4 Jahren schon einmal auf dem gleichen Weg, andere nur kurz und sind dann abgewandert (oder vertrieben worden) und wieder andere habe durfte ich neu kenne lernen. Daneben gibt es noch ein paar Menschen, die zumindest kurzzeitig auch Teil der “Gefährten” waren oder sich zumindest dafür interessiert haben.
Einer davon war ein junger Mann, der am Anfang seiner Karriere stand (und immer noch steht). Er wollte von Anfang an auf kein Foto mit uns, war sich seiner politischen Heimat auch noch nicht ganz grün und vor allem hatte er Angst, um in die Politik zu gehen.
Nun ist ein Grund, um nicht in die Politik zu gehen das mittlerweile sehr raue Klima, vor allem in den sozialen Medien, aber auch immer öfter auch in klassischen Medien, auf der Straße und im gesamten Umfeld. Bedrohungen und Beleidigungen gehören mittlerweile zum politischen Alltag auch auf dem eher niedrigen Level der Gemeindevertretungen. Kein Wunder, dass immer weniger Menschen und insbesondere Frauen, die noch immer auch aus misogynen Gründen angefeindet werden, sich bereitfinden, um politisch aktiv zu werden.
Die Sorge dieses jungen Mannes aber war eine andere: was, wenn ein Bild von ihm ins Internet kommt, bei dem er sich mit Sozialdemokraten gemein macht? Bei einer Einreise in die USA werden Sozialmedia-Accounts mittlerweile erfragt und bei längeren Aufenthalten (im Rahmen seiner beginnenden IT-Karriere) im bisher Bollwerk der freiheitlichen Demokratien, werden sicher noch intensiverer Backgroundchecks gemacht. Wir haben ihn leider nach der ersten Versammlung nie wieder gesehen – Legende sagt, dass er noch bei anderen linken Parteien auf Besuch war, aber auch dort sich nicht wirklich getraut hat, sichtbar aktiv zu werden.
Das macht unsagbar traurig. Während es normal scheint, dass ein rechts-rechts-rechter Formateur hier in Den Helder ab sofort die Koalition schmiedet und das politische Geschehen der nächsten vier Jahre massiv beeinflusst, trauen sich linke Kräfte nicht mehr politisch überhaupt aktiv zu werden. “Make Orwell fiction again” – ein Spruch, der derzeit als Gegengewicht zu “MAGA” auf Mützen und online verwendet wird – kommt einem da in den Sinn. Das Durchpflügen von Social-Media nach kritischen Beiträgen, Majestätsbeleidigungen, Aufruhr und ehrlicher Meinung durch die amerikanischen Einwanderungsbehörden lässt an Orwell, Gattaca und andere Filme erinnern, die wir dachten, dass sie niemals (wieder) wahr werden.
Sollte ich diesen Post am besten gleich wieder löschen, weil ich vielleicht irgendwann mal doch nach New York möchte? Bier auf Hawaii gibt es mittlerweile, trotzdem brauche ich das nicht. Das andere Ende der Welt ist auch nicht sehr einladend: von St. Petersburg, ueber Teheran, Bagdad hin zu chinesischen Metropolen – alles wird oder ist autoritär.
Gut, dass ich kein junger Mann mehr bin und auch kaum noch Karriere vor mir habe. In dem Sinne: Big brother: please read this text!
Discover more from Ulrich N. Fuchs
Subscribe to get the latest posts sent to your email.


